Musische Erziehung   H. Calgeer     Bildergalerie

Die musische Erziehung - und hier besonders das praktische Musizieren hat während der „Regierungszeit" von Prof. Schweizer eine Förderung erfahren und eine Höhe erreicht, wie sie für die Bundesrepublik und weit darüber hinaus beispiellos sind. Musikpädagogen und Regierungsbeamte aus dem In- und Ausland kommen ans Kepler-Gymnasium, um hier diese Einmaligkeit zu studieren und zu bewundern. Die verschiedenen Orchester und Instrumentalgruppen der Schule mußten bei den großen Bundesschulmusikwochen in München, Stuttgart und Bonn einem fachmännischen Publikum vorgeführt werden; das Auswärtige Amt und der Deutsche Musikrat wußten für unsere Orchester ehrenvolle Aufgaben im Ausland (England, Neapel, Interlochen/Michigan); und Herr Prof. Schweizer - der Mathematiker - wurde wiederholt zu Kongressen und Tagungen der Deutschen Musikerzieher gebeten, um über die Musikerziehung an seiner Schule zu berichten.

Doch lassen wir ihn darüber selbst zu Wort kommen:

 

„In den langen Jahren meiner eigenen Schulzeit und meiner Lehrtätigkeit ist es mir zur Überzeugung geworden, daß die musikalische und im weiteren Sinn die musische Erziehung einen wesentlichen, unentbehrlichen Bestandteil der Heranbildung eines jungen Menschen darstellt. Obwohl das Kepler-Gymnasium eine mathematisch-naturwissenschaftliche Schule ist, und ich die charakteristische Hauptaufgabe eines Gymnasiums - die Erziehung zum selbständig denkenden Menschen durch die Begegnung und Auseinandersetzung mit geisteswissenschaftlichem und mathematisch-naturwissenschaftlichem Gedankengut - nicht verkenne, lege ich größten Wert darauf, meine Schüler in eine so enge Berührung mit der Musik zu bringen, daß die in diesem Bereich liegenden hohen und unvergänglichen Werte zum unverlierbaren Besitz und zu einer tragenden Kraft im Leben des einzelnen werden.

 

Die Frage, was denn die wichtigste Aufgabe der höheren Schule sei, wird bekanntlich verschieden beantwortet; ein einheitliches Menschenbild gibt es ja heute nicht. Trotzdem läßt sich wohl eine Formulierung für diese oberste Aufgabe angeben, der jedermann zustimmen kann: Die höhere Schule soll dem Schüler vor allem einen Zugang zu der Welt der Werte vermitteln, sie soll ihn nach Möglichkeit so an Werte binden, daß diese Bindung für das ganze Leben anhält. Ein solcher zeitlos gültiger Wertbereich ist die Musik. Wenn wir dem Schüler den Zugang zu solchen Werten ermöglichen, und das geschieht am nachhaltigsten durch das eigene Spielen oder Singen, dann haben wir ihm etwas gegeben, das einen bleibenden Wert für sein Leben darstellt.

 

Es ist stets ein Anliegen der Schulreformer gewesen, die Schule in das persönliche Leben des Schülers, in seinen Interessen- und Gedankenkreis einzugliedern und sie zu einem echten Lebensbereich des Jugendlichen zu machen. Das ist natürlich nur in einem beschränkten Umfang möglich, denn viele Lehrstoffe entsprechen eben nicht ohne weiteres den natürlichen Neigungen des Schülers. Das Singen oder das Instrumentalspiel dagegen kommt einer natürlichen Veranlagung und Neigung der meisten Jugendlichen entgegen. Es wird sehr bald zu einem Tun, das den jungen Menschen erfaßt und ihm lieb und wert ist, besonders dann, wenn sich schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit ein gewisser Erfolg einstellt und deutliche Fortschritte zu spüren sind. Man sollte die Bedeutung des Erfolgsgefühls in der Schule nicht gering einschätzen! Die heute oft beklagte Schulverdrossenheit hat nicht zuletzt ihren Grund in der allzu mäßigen Leistung der Schüler, in manchen Fächern. Freuen wir uns, daß die musischen Fächer den Chor der klagenden Lehrer und. Schüler nicht zu vermehren brauchen, und daß von diesen Fächern oft ein Glanz ausstrahlt, der sich besänftigend und ermutigend auch auf das übrige Schuldasein ausbreitet und die Schule in einem freundlicheren Licht erscheinen läßt." (Aus einem Vortrag Prof. Schweizers vor dem Deutschen Musikrat in Berlin im November 1960.

 

Diese grundsätzliche Einstellung eines Schulleiters zur Musikerziehung an seiner Schule schuf die Atmosphäre, in der sich das für eine Schule vorbildliche musikalische Leben entwickeln konnte.

 

Wenn ich die 11 Jahre meiner Arbeit unter Prof. Schweizer an mir nochmals  vorüberziehen lasse, so erfaßt mich ein dankbares Staunen: Ein Staunen über die ständige, selbstlose Hilfsbereitschaft und über das große Vertrauen, das er dieser Arbeit schenkte, - auch wenn die Schwierigkeiten materieller und personeller Art manchmal unüberwindlich schienen. Wie oft hat er helfend eingegriffen, wenn unsere konsequente Entwicklung infolge „Betriebstoffmangels" zu stocken drohte. Wie oft mußte er mit seiner ganzen Autorität einspringen, wenn wir unseren Vorstellungen und Wünschen bei Behörden und anderen Institutionen Gehör und Unterstützung verschaffen wollten. Vielleicht war ihm selber manchmal dabei nicht ganz geheuer zumute, wenn er die großen materiellen Lasten auf uns zukommen sah, die von den musikbegeisterten Schülern wie eine Lawine ausgelöst wurden. Aber einmal dieser Sache verschrieben, blieb ihr Prof. Schweizer auch treu. Und dabei hatte es recht harmlos angefangen. Im Sommer 1955 wurden die ersten Aktionen zur Intensivierung des Instrumentalunterrichts gestartet: Im ganzen „Ländle" wurde nach gebrauchten Instrumenten „gefahndet", wurden Musiklehrer angeworben – undder Gruppen- und Einzelunterricht konnte in den Räumen der Schule beginnen. Bereits ein halbes Jahr später musizierte eine Gruppe von 50 Bläsern auf dem Rathaus vor dem Tübinger Gemeinderat, und das „Schwäbische Tagblatt" fragte erstaunt: „Gibt es künftig ein Tübinger Blasorchester?" (Wie recht sollte doch die Zeitung mit ihrer Annahme behalten!)

 

Die ersten musikalischen Erfolge wirkten zündend auf unsere Schüler, besonders natürlich in der Unterstufe. So gab es 1957 bereits Klassen, in denen über 80 der Schüler ein Instrument erlernten, z. B. die damalige 2b (aus der Schüler wie Wadim Suchowersky, Albert Geyer, Helmut Mühlhäusler hervorgegangen sind) mit 20 Geigern, l Cellisten, l Flötisten, l Oboisten, 2 Klarinettisten, 5 Trompetern und 5 Klavierspielern. Die einzelnen Orchester und verschiedensten Instrumentalgruppen schössen nur so aus dem Boden. Als die Belastungen und Anforderungen immer größer wurden (längst hatte diese Entwicklung — wenn auch in bescheidenerem Maße — auf andere Tübinger Schulen übergegriffen), verstand es Prof. Schweizer, den Zuschüssen durch Stadtverwaltung, Volkshochschule und Regierungspräsidium die Hilfsbereitschaft der „Freunde und Ehemaligen des Kepler-Gymnasiums" und der Elternschaft an die Seite zu stellen.

 

Bald stellte sich eine unvorhergesehene Auswirkung unserer musikalischen Arbeit ein: Die einzelnen Orchester und Musiziergruppen wurden immer mehr in das öffentliche Leben - nicht nur Tübingens allein - einbezogen. Eine für das Schuljahr 65/64 aufgestellte Statistik z. B. führt an:

 

1. Musikalische Umrahmung des Schulanfangsgottesdienstes der Tübinger Gymnasien

2.  Mitwirkung des Blasorchesters bei der Kundgebung am l. Mai vor dem Rathaus

3. Vorführung unserer Orchester vor der „Europäischen Studienkommission für Musikerziehung"

4. Konzert von 4 Orchestern unserer Schule in der Stuttgarter Liederhalle anläßlich der     Bundesmusikwoche

5. Musikalische Gestaltung der Lossprechungsfeier der Industrie- und Handelskammer in Reutlingen     durch das Blasorchester

6. Mitwirkung einer Orchestergruppe beim Rektorfest der Universität auf Schloß Hohentübinge

7. Mitwirkung des Sinfonieorchesters bei der Jungbürgerfeier

8. Platzkonzert in der Platanenallee

9. Mitwirkung des Blasorchesters bei den Bundesjugendspielen

10. Musikalische Gestaltung bei der Preisverleihung zum Blumenschmuckwettbewerb im Rittersaal

11. Mitwirkung des Blasorchesters bei der Einweihung des Meilensteins nach Berlin

12. Vorführung unserer Orchester vor einem Ausbildungskurs für Musiklehrer an Mittelschulen

13. Vorführung unserer Orchesterarbeit vor 50 amerikanischen Musikprofessoren

14. Musikalische Gestaltung des „Geselligen Abends" der Elternschaft

15. Musikalische   Gestaltung des  „Ehemaligenhalles"

16. Mitwirkung unseres Sinfonieorchesters bei den „Musischen Wochen" der Stadt Berlin

      (4 Konzerte)

17. Konzert zu Gunsten des Kinderhilfswerks der Stadt Berlin (Reinerlös DM l 200.-)

18. Konzert zum Tag der Hausmusik

19. Musikalische Gestaltung verschiedener Weihnachtsfeiern

20. Mitwirkung des Blasorchesters bei 2 Bürgerversammlungen

21. Musikalische Gestaltung einer Motette in der Jakobuskirche

22. Musikalische Gestaltung verschiedener Richtfeste und Einweihungsfeierlichkeiten

23. Aufnahmefeier für die neuen Erstklässler

24. Musikalische Feier zur Verabschiedung der Abiturienten

25. Schulschlußfeier

Der Veranstaltungskatalog in den darauffolgenden Jahren ist eher noch umfangreicher gewordeDiese Betätigungen haben eine ideelle Seite - Schule und Schülerschaft nehmen in aktiver Weise am Geschehen in der Gemeinschaft teil - und eine materielle Folgeerscheinung: So mancher erspielte Betrag und manche Spende fließen unserer Musikarbeit zu.

Der Wunsch von Prof. Schweizer, es im Laufe der Zeit so weit zu bringen, daß die Hälfte seiner „Schulmannschaft" ein Instrument spielt, ist natürlich schon lange mehr als erfüllt. Bereits 1962 waren es über 80% - und dieser Prozentsatz blieb bis heute erhalten. Er dürfte auch die oberste Grenze für einen ernsthaften Musikbetrieb an einer Schule bleiben. (Natürlich haben wir hierbei die Blockflötenspieler ausgeklammert; sonst würden wir einen Prozentsatz von nahezu 100% erreichen, weil bekanntlich bei uns alle Schüler der Klassen 1-5 das Blockflötenspiel im Musikunterricht der Schule erlernen.)

Wie sieht es nun heute mit dem instrumentalen Musizieren an unserer Schule aus? Am Kepler-Gymnasium werden z. Z. mit Sicherheit über 1400 Instrumente gespielt — darunter sind über 500 Blockflöten. Wie die Verhältnisse im einzelnen sind, soll folgende Statistik (Stand vom l. 5. 1966) aufzeigen:

 

Blockflöte              über 550            Querflöte                    24

Violine                           161            Schlagzeug                  20

Klavier                          142             Oboe                         18

Klarinette                        95            Fanfare                        12

Trompete                        91            Viola                           10

Gitarre, Banjo usw.         77            Kontrabaß                   10

Hörn                               47            Saxophon                      9

Violoncello                      56            Fagott                            8

Akkordeon                      51            Orgel                            4

Posaune/Tuba                  50            Zusammen:              1401

Melodica                         26

Unser Ziel ist es, daß die Schüler das von ihnen gewählte Instrument so weit beherrschen lernen, daß sie im häuslichen Rahmen, im Kreis von Klassen- und Schulkameraden oder im Schulorchester mu-sizieren können. Nicht die Schulfeier oder das Schulkonzert - nein, das Erlebnis der Gemeinschaftsleistung soll erstes Ziel sein; und deswegen hat unsere Schule auch so viele musikalische Gemeinschaften:

 Großes Sinfonieorchester     (ca. 55 Spieler)  

 Kammerorchester             (ca. 24 Streicher, einige Bläser)

Nachwuchsorchester I        (ca. 25 Streicher, einige Bläser)

Nachwuchsorchcster II        (ca. 55 Streicher, einige Bläser)

Großes Blasorchester         (ca. 60 Bläser)

Nachwuchsblasorchester       (ca. 40 Bläser)

          Posaunenchor                (ca. 12 Bläser; wird für besondere Zwecke zusammengestellt)

Panfarenzug                 (ca. 12 Fanfarenbläser)

Blockflötenorchester       -   (ca. 120 Spieler der Unterklassen)

Salonorchester                 (Big Band-Besetzung; 15 Spieler)

Daneben gibt es eine Anzahl Klassenorchester, Streichquartette, Bläserquintette und Instrumentalgruppen der verschiedensten Zusammensetzungen (einschließlich der Jazz- und Beat-Bands).

Natürlich sind viele Schüler auch außerhalb der Schule im ganzen Kreisgebiet aktiv. (Posaunen chöre, Musikvereine, kirchliche Instrumentalkreise usw.) Wir halten diese Ausstrahlung für sehr wertvoll.

Neben der Intensivierung des Instrumentalspiels war Prof. Schweizer - dem Sänger und „Chorleiter aus Leidenschaft" - die Pflege des Liedes und des Chorgesanges ein ernstes Anliegen. Auch hier hat in den letzten Jahren seine Unterstützung einen ungeahnten Aufschwung bewirkt. Unser Großer Chor mit seinen 120 Sängern ist unter der Leitung von Fräulein Haas zu einem stets einsatzbereiten Instrument geworden und hat sich schon bei vielen Gelegenheiten bewährt. Den Andrang der Unterklassen konnte man auch hier nur bewältigen, indem man einen Nachwuchschor einrichtete.

Manche dieser Ensembles sind im Verlauf der letzten Jahre belohnt worden für die strenge Arbeit. (Denn eine harte Schulung bedeutet die Tätigkeit in unseren Musikgruppen: wer zählt die jahre-langen Übungsstunden des einzelnen im „stillen Kämmerlein"; wer rechnet die zahllosen Orchesterstunden an den Wochenenden oder während der Musikfreizeiten in den Ferien!) Gerade das Auswärtige Amt und der Deutsche Musikrat haben bei der Benennung von deutschen Beispielgruppen für ausländische Veranstaltungen immer wieder auf unsere Orchester zurückgegriffen:

 

1960 Auftreten unserer Dixieland-Band in Grenoble (mit Fernsehsendung)

1961 Besuch des Blasorchesters in England

1963 Teilnahme des Sinfonieorchesters an den „Musischen Wochen Berlin" 1964 Konzertreise des Blasorchesters in die Schweiz und nach Südfrankreich

1964 Besuch des Sinfonieorchesters in Dänemark

1965 Fahrt des Sinfonieorchesters nach Holland

1966 Besuch des Blasorchesters in Neapel und Rom

 

Im August 1966 werden Sinfonie- und Salonorchester zum „Internationalen Kongreß der Gesellschaft für Musikerziehung" nach Interlochen/Michigan fliegen und dabei gleichzeitig der Tübinger Schwesternstadt in den USA, Ann Arbor, einen zehntägigen Besuch abstatten

Dieses vielfältige musikalische Leben an unserem Gymnasium brachte natürlich manche Probleme mit sich -bei den Schülern, bei den Lehrern, bei den Eltern. Hier nun zeigte sich Prof. Schweizer als der geschickte „Dirigent": Mit einer glücklichen Hand räumte er alle Hindernisse aus dem Wege, glättete stürmische Wogen und fand wohl immer eine für alle Beteiligten befriedigende Lösung. Die Musik an unserer Schule weiß, was sie Prof. Schweizer zu verdanken hat.

  (1966 Festschrift zur Verabschiedung von Prof. Schweizer)